Gastfreundschaft ist nicht genug

Das Interesse am faszinierenden Kulturerbe des Iran ist da, die touristische Infrastruktur schwächelt noch. OWC IranContact sprach mit Ebrahim Pourfaraj, der Geschäftsführer von PASARGAD TOURS darüber, was das Land ausmacht und was der Tourismussektor jetzt benötigt.

 

 

Herr Pourfaraj, wie hat sich der Tourismusmarkt nach dem Abschluss des Atomabkommens im Juli 2015 entwickelt?

 

Pourfaraj: Uns kam es so vor, als hätte die gesamte Welt darauf gewartet, in den Iran zu reisen. Wir brauchten nur die Türen zu öffnen und die Touristen strömten ins Land. Mit einem solch großen Interesse hatten wir damals nicht gerechnet, und wir waren darauf auch nicht vorbereitet. Es stellte sich schnell heraus, dass es insbesondere an geeigneten Hotels mangelte.Gerade in den touristischen Hotspots wie Isfahan, Shiraz, Yazd, Kerman, Täbris, aber auch in Teheran fehlte es an Unterbringungsmöglichkeiten. Daher konnten wir die hohe Nachfrage aus aller Welt nicht adäquat bedienen.

 

Und wie sieht es jetzt nach dem Austritt der Amerikaner aus dem Abkommen, aus?

 

Pourfaraj: Der Tourismus im Iran ist saisonal geprägt. Die eine Saison läuft über das Frühjahr, die zweite Saison liegt in den Herbstmonaten. Die Amerikaner haben ihren Austritt in  Frühjahr verkündet. Für die laufende Saison war das unerheblich, da die meisten Reisen bereits gebucht waren. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Buchungen europäischer Touristen in diesem Herbst aber um 19 Prozent zurückgegangen. Mit Blick auf die Zeiten vor dem Atom-Deal kann dies aber vernachlässigt werden, da die Nachfrage im Vergleich zu dieser Zeit auch weiterhin so hoch ist, dass ein leichtes Abebben für uns wenig Bedeutung hat. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass dies auch nur eine vorübergehende Entwicklung ist und wir schnell wieder das alte Niveau erreichen. Davon abgesehen handelt es sich auch nur um einen Teil des Tourismusaufkommens im Iran. So gab es beispielsweise keine Auswirkungen auf die Anzahl der Pilgertouristen, hier können wir sogar einen steten Anstieg beobachten. Aber die iranische Tourismusbehörde hat nach Absprache mit dem iranischen Außenministerium für ausländische Touristen und Geschäftsleute eine stempelfreie Einreise beschlossen. Seit dem 23. November 2016 können sie mit einem elektronischen Visum in den Iran einreisen. Der Stempel und die damit verbundenen Probleme bei Reisen in die USA hatten viele von einer Iran Reise abgehalten.

 

 

Wie haben sich die konkreten Zahlen bei Touristen aus Europa in den letzten Jahren entwickelt?

 

Pourfaraj: Abgesehen von dem Rückgang in diesem Herbst, konnten wir in den vergangenen Jahren viele Europäer im Iran begrüßen. Hinsichtlich der einzelnen Quellmärkte liegen mir derzeit leider keine Zahlen vor. Allerdings kam der größte Anteil europäischer Touristen schon immer aus Deutschland. Danach kommt Frankreich, gefolgt von Italien und Großbritannien. Die Deutschen stellen auch weiterhin die größte Gruppe europäischer Touristen. Meiner Meinung nach lässt sich der 19-prozentige Rückgang nicht den Deutschen anlasten. Ich denke, dass sich hier wenig geändert hat. Außerdem sind wir bestrebt, diesem Rückgang entschieden entgegenzuwirken. Deshalb wollen wir unsere Präsenz auf internationalen Tourismusmessen verstärken und insbesondere auf dem europäischen Markt offensiver für das Reiseziel Iran werben. Der Iran ist nach wie vor das sicherste Reiseland im Mittleren Osten – daran hat sich auch im Zuge der Sanktionen nichts geändert. Laut „Travel Risk Map 2019“, die von den globalen Ri-sikoexperten International SOS in Zusammenarbeit mit Con-trol Risks lanciert wird, und das Risikoniveau weltweit zeigt, ist der Iran in Sachen Sicherheit so sicher wie Großbritannien.

 

Wo sehen Sie das meiste Potenzial im iranischen Touris-mussektor?

 

Pourfaraj: Der Iran ist aus verschiedenen Gründen ein be-sonderes Land für Touristen. Zunächst einmal bieten wir ein faszinierendes kulturelles Erbe, das eine jahrtausendealte Zi-vilisation widerspiegelt und das sich in archäologischen Stät-ten aus fast allen Epochen manifestiert. Ebenso kann die seit jeher bestehende ethnische Vielfalt in den verschiedenen Regionen des Landes erlebt werden. Darüber hinaus ist der Iran reich an einmaligen nationalen und islamischen Kulturstätten, die zum Beispiel auch das Bild von Städten wie Isfahan prägen.

Ergänzend dazu gibt es eine große Nachfrage im Gesund-heitstourismus. Die iranischen Ärzte sind für ihre gute Aus-bildung weltberühmt. Ausländer können hier qualitativ hochwertige medizinische Dienstleistungen zu einem günstigen Preis bekommen. Das Angebot besteht nicht nur im Bereich der Plastischen Chirurgie, obwohl der Iran gerade bei Na-senoperationen weltweit führend ist und die Expertise unse-rer Chirurgen international geschätzt wird.

Die große Mehrheit der 80 Millionen Iraner sind Schiiten. Dazu kommen Sunniten, Christen, Juden und Zoroastrier. Daher können wir im Bereich des religiösen Tourismus ein vielschichtiges Angebot unterbreiten. Zum Beispiel gibt es Touren zum St. Thaddeus Kloster im Nordwesten des Landes, das von christlich geprägten Armeniern gern besucht wird. Ich möchte hier noch einmal ausdrücklich betonen, dass der Iran ein Land ist, in dem andere Religionen respektiert wer-den und in dem jeder willkommen ist. Das wird leider in der Öffentlichkeit nicht immer so wahrgenommen.

Darüber hinaus bietet auch das Segment Geschäftsreisen Potenzial. Geschäftsleute, die in den Iran reisen, um hier neue Märkte zu erschließen oder bestehende Geschäftsbeziehun-gen zu pflegen, verbinden nicht selten ihren Besuch mit ei-nem touristischen Programm, um so das Land besser ken-nenlernen zu können.

Abgerundet wird all dies durch die berühmte iranische Gastfreundschaft, in deren Genuss die Touristen kommen, wenn sie das Land besuchen. Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren in dieser Branche tätig und habe noch nie erlebt, dass ausländische Touristen schlechte Erfahrungen im Iran gemacht hätten. Diese Gastfreundschaft ist durchaus ernst gemeint, sie kann als ehrliche Freude seitens der Iraner über die Besucher verstanden werden.

 

Es wird immer gesagt, dass infrastrukturelle Defizite die größten Herausforderungen im iranischen Tourismussek-tor darstellen. Um welche Mängel geht es da genau?

 

Pourfaraj: Wie ich schon sagte, in erster Linie fehlt es an ge-eigneten Hotels. Gerade was Vier- oder Fünfsternehotels angeht haben wir einen großen Nachholbedarf. Neuerdings er-leben wir zudem, dass Einheimische in den eher abgeschiedenen Regionen kleine Hütten und Bungalows bauen, und dass dies bei den Touristen großen Anklang findet. Hier können sie die Natur, die Wüste oder die Berge intensiv erleben. Sowohl für die großen Hotels als auch für derartige Projekte werden ausländische Investoren gesucht.

Dazu kommt, dass der Personentransport modernisiert werden muss. Überlandfahrten finden zum größten Teil auf der Straße statt. Hier werden neue Busse und Pkw benötigt, die westlichen Standards gerecht werden.

Im Bereich der Reiseleitung hat sich jedoch in den vergan-genen Jahren bereits viel getan. Durch verschiedene Förderprogramme konnten wir große Fortschritte machen. Derzeit gibt es etwa 9.000 Reiseleiter, die hervorragend ausgebildet sind und die verschiedensten Sprachen beherrschen.

 

Wie viele Hotels müssen noch gebaut werden?

 

Pourfaraj: Derzeit würde es meiner Ansicht nach ausreichen, wenn in hochfrequentierten Städten insgesamt etwa 30 Vier- oder Fünfsternehotels gebaut würden. Ich engagiere mich ge-rade selbst beim Bau eines Hotelkomplexes mit über 430 Zimmern und bin zuversichtlich, dass wir diesen Bedarf auch mit-hilfe ausländischer Investoren werden decken können.

 

 

Gab es in den vergangenen Jahren bereits ausländische Investitionen in die Hotellerie?

 

Pourfaraj: Ja, in den letzten Jahren haben vor allem Inves-toren aus Frankreich und der Türkei Hotels errichtet. Dabei haben sich die türkischen Investoren auf die Stadt Täbris konzentriert, während das französische Unternehmen Ac-corHotels ein Ibis- und ein Novotel-Hotel am Imam-Khomeini-Flughafen in Teheran gebaut hat. Chinesische Unternehmer haben zudem die Renovierung bereits bestehender Hotels übernommen. Auch Investoren aus Singapur haben großes Interesse an einem künftigen Engagement im iranischen Markt gezeigt.

Ich denke, dass der Iran auch in Zukunft ein Ziel für den internationalen Tourismus sein wird. Der kulturelle Reichtum und die Schönheit des Landes gepaart mit der Gastfreundlichkeit der Iraner haben schon immer für ein großes Interesse im Ausland gesorgt. Ausländische Investoren können also davon ausgehen, dass sich ihre Projekte schnell amortisieren und dann gewinnbringend betrieben werden können. Hier sehe ich noch viel wirtschaftliches Potenzial.

 

Wie haben sich die Sanktionen auf den Tourismussektor ausgewirkt?

 

Pourfaraj: Natürlich haben die Sanktionen auch einen negativen Einfluss auf Bereiche wie den internationalen Zahlungsverkehr oder den Luftverkehr. Als Iraner sind wir aber bereits an Sanktionen gewöhnt. Ich vergleiche das gern mit einer Erkältung: Da sind Sie in Ihren Möglichkeiten eingeschränkt, finden aber in der Apotheke immer auch ein passendes Medikament, das Ihnen hilft diese Phase zu überstehen. Genauso haben wir bisher auch immer Wege und Lösungen für die Probleme gefunden, mit denen wir konfrontiert wurden.

 

Und wie macht sich der Wertverfall des Rial bemerkbar?

 

Pourfaraj: Für den Incoming-Bereich war der Wertverfall fast wie ein Geschenk, denn für Europäer ist die Lage denkbar günstig. Sie können für ihr Geld entweder entschieden län-ger durch den Iran reisen oder sich bessere Hotels oder andere Annehmlichkeiten gönnen, die sie sich vorher nicht hätten leisten können.Auf der anderen Seite haben Iraner, die nach Europa oder in die USA reisen wollen, natürlich ein großes Problem, da die Kaufkraft im internationalen Vergleich dra-matisch gesunken ist. Für Agenturen, die sich nur auf Outgoing-Touren spezialisiert haben, ist das schlicht existenzbe-drohend.

 

Im Iran sind derzeit Zahlungen mit ausländischen Kredit- oder EC-Karten nicht möglich, die Einfuhr von Bargeld darf nur innerhalb bestimmter Grenzen erfolgen und auch das Wechseln von Devisen war in der Vergangenheit nicht immer leicht. Wie stark leidet der Tourismus darunter?

 

Pourfaraj: Mit diesen Problemen beschäftigen wir uns schon länger. Bedingt durch diese Einschränkungen können Touristen zwangsläufig nur ein gewisses Budget mit sich führen und werden so in ihren Konsummöglichkeiten beschränkt. Hier-von sind insbesondere die Hotellerie, das Kunsthandwerk und die Gastronomie betroffen.

Derzeit sind die zuständigen Behörden dabei, in Koope-ration mit einigen Banken Lösungsansätze zu entwickeln. Es wird unter anderem ein Konzept diskutiert, bei dem ein aus-ländischer Tourist mithilfe von Reiseagenturen in seinem Heimatland und im Iran die Möglichkeit bekommen soll, zu Hause einen bestimmten Geldbetrag auf ein persönlich zugewiesenes Konto in seinem Heimatland einzuzahlen. Dieser Betrag wird dann auf ein iranisches Konto transferiert. Am Anrei-setag erhält der Einzahler die dazugehörige Kreditkarte und kann dann während seines Aufenthaltes nach Belieben über den Betrag verfügen. Eine weitere Erhöhung dieses Betrages sollte natürlich ebenfalls möglich sein.

 

2017 hatte der Iran auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin eine eigene Halle. Wie war die Resonanz?

 

Pourfaraj: Der europäische Tourismusmarkt ist für den Iran traditionell ein wichtiger Markt. Ich bin seit rund 19 Jahren auf der ITB dabei, und in all den Jahren hatte der Iran immer seine eigene Halle. Der Iran war ja für Europäer schon im-mer das beliebteste Reiseziel im Mittleren Osten. Deswegen sind die Messen in Europa für uns besonders wichtig. Das Besondere an der ITB ist jedoch die Internationalität von Besuchern und Veranstaltern. Damit haben wir die Möglichkeit, gleich mehrere nationale Märkte anzusprechen, zum Beispiel den französischen, den italienischen und den holländischen.Darüber hinaus sind Deutschland und der Iran seit Langem auf besondere Art und Weise verbunden. Auch deshalb ist eine starke Repräsentanz für uns besonders wichtig.

 

Und 2019?

 

 

Pourfaraj: Auch im Jahr 2019 werden wir wieder eine eigene Halle betreiben. Wir freuen uns auf die ITB und möchten unbedingt die Verluste auf dem europäischen Markt wieder aufholen. Die Agenturen haben sich viel vorgenommen. Neben dem üblichen Informationsprogramm soll es auch Veranstaltungen für ausgewählte Personen geben, zum Beispiel planen wir, eine persische Nacht erlebbar zu machen.Wir glauben, dass der Iran nicht auf die derzeitige politische Situation reduziert werden sollte. Dieses reiche Land hat einfach mehr zu bieten. Der Tourismus hat Interessierten schon immer die Möglichkeit gegeben, sich einen eigenen Eindruck von Land und Leuten zu verschaffen. Diejenigen, die bereit sind den Iran selbst zu erleben, werden auf interessierte und friedfertige Menschen stoßen. Diese Botschaft ist mir wichtig.

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Pourfaraj.

 

Mit Ebrahim Pourfaraj sprach Joshua Koller.

Gastfreundschaft ist nicht genug

Das Interesse am faszinierenden Kulturerbe des Iran ist da, die touristische Infrastruktur schwächelt noch. OWC IranContact sprach mit Ebrahim Pourfaraj, der Geschäftsführer von PASARGAD TOURS darüber, was das Land ausmacht und was der Tourismussektor jetzt benötigt.

 

 

Herr Pourfaraj, wie hat sich der Tourismusmarkt nach dem Abschluss des Atomabkommens im Juli 2015 entwickelt?

 

Pourfaraj: Uns kam es so vor, als hätte die gesamte Welt darauf gewartet, in den Iran zu reisen. Wir brauchten nur die Türen zu öffnen und die Touristen strömten ins Land. Mit einem solch großen Interesse hatten wir damals nicht gerechnet, und wir waren darauf auch nicht vorbereitet. Es stellte sich schnell heraus, dass es insbesondere an geeigneten Hotels mangelte.Gerade in den touristischen Hotspots wie Isfahan, Shiraz, Yazd, Kerman, Täbris, aber auch in Teheran fehlte es an Unterbringungsmöglichkeiten. Daher konnten wir die hohe Nachfrage aus aller Welt nicht adäquat bedienen.

 

Und wie sieht es jetzt nach dem Austritt der Amerikaner aus dem Abkommen, aus?

 

Pourfaraj: Der Tourismus im Iran ist saisonal geprägt. Die eine Saison läuft über das Frühjahr, die zweite Saison liegt in den Herbstmonaten. Die Amerikaner haben ihren Austritt in  Frühjahr verkündet. Für die laufende Saison war das unerheblich, da die meisten Reisen bereits gebucht waren. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Buchungen europäischer Touristen in diesem Herbst aber um 19 Prozent zurückgegangen. Mit Blick auf die Zeiten vor dem Atom-Deal kann dies aber vernachlässigt werden, da die Nachfrage im Vergleich zu dieser Zeit auch weiterhin so hoch ist, dass ein leichtes Abebben für uns wenig Bedeutung hat. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass dies auch nur eine vorübergehende Entwicklung ist und wir schnell wieder das alte Niveau erreichen. Davon abgesehen handelt es sich auch nur um einen Teil des Tourismusaufkommens im Iran. So gab es beispielsweise keine Auswirkungen auf die Anzahl der Pilgertouristen, hier können wir sogar einen steten Anstieg beobachten. Aber die iranische Tourismusbehörde hat nach Absprache mit dem iranischen Außenministerium für ausländische Touristen und Geschäftsleute eine stempelfreie Einreise beschlossen. Seit dem 23. November 2016 können sie mit einem elektronischen Visum in den Iran einreisen. Der Stempel und die damit verbundenen Probleme bei Reisen in die USA hatten viele von einer Iran Reise abgehalten.

 

 

Wie haben sich die konkreten Zahlen bei Touristen aus Europa in den letzten Jahren entwickelt?

 

Pourfaraj: Abgesehen von dem Rückgang in diesem Herbst, konnten wir in den vergangenen Jahren viele Europäer im Iran begrüßen. Hinsichtlich der einzelnen Quellmärkte liegen mir derzeit leider keine Zahlen vor. Allerdings kam der größte Anteil europäischer Touristen schon immer aus Deutschland. Danach kommt Frankreich, gefolgt von Italien und Großbritannien. Die Deutschen stellen auch weiterhin die größte Gruppe europäischer Touristen. Meiner Meinung nach lässt sich der 19-prozentige Rückgang nicht den Deutschen anlasten. Ich denke, dass sich hier wenig geändert hat. Außerdem sind wir bestrebt, diesem Rückgang entschieden entgegenzuwirken. Deshalb wollen wir unsere Präsenz auf internationalen Tourismusmessen verstärken und insbesondere auf dem europäischen Markt offensiver für das Reiseziel Iran werben. Der Iran ist nach wie vor das sicherste Reiseland im Mittleren Osten – daran hat sich auch im Zuge der Sanktionen nichts geändert. Laut „Travel Risk Map 2019“, die von den globalen Ri-sikoexperten International SOS in Zusammenarbeit mit Con-trol Risks lanciert wird, und das Risikoniveau weltweit zeigt, ist der Iran in Sachen Sicherheit so sicher wie Großbritannien.

 

Wo sehen Sie das meiste Potenzial im iranischen Touris-mussektor?

 

Pourfaraj: Der Iran ist aus verschiedenen Gründen ein be-sonderes Land für Touristen. Zunächst einmal bieten wir ein faszinierendes kulturelles Erbe, das eine jahrtausendealte Zi-vilisation widerspiegelt und das sich in archäologischen Stät-ten aus fast allen Epochen manifestiert. Ebenso kann die seit jeher bestehende ethnische Vielfalt in den verschiedenen Regionen des Landes erlebt werden. Darüber hinaus ist der Iran reich an einmaligen nationalen und islamischen Kulturstätten, die zum Beispiel auch das Bild von Städten wie Isfahan prägen.

Ergänzend dazu gibt es eine große Nachfrage im Gesund-heitstourismus. Die iranischen Ärzte sind für ihre gute Aus-bildung weltberühmt. Ausländer können hier qualitativ hochwertige medizinische Dienstleistungen zu einem günstigen Preis bekommen. Das Angebot besteht nicht nur im Bereich der Plastischen Chirurgie, obwohl der Iran gerade bei Na-senoperationen weltweit führend ist und die Expertise unse-rer Chirurgen international geschätzt wird.

Die große Mehrheit der 80 Millionen Iraner sind Schiiten. Dazu kommen Sunniten, Christen, Juden und Zoroastrier. Daher können wir im Bereich des religiösen Tourismus ein vielschichtiges Angebot unterbreiten. Zum Beispiel gibt es Touren zum St. Thaddeus Kloster im Nordwesten des Landes, das von christlich geprägten Armeniern gern besucht wird. Ich möchte hier noch einmal ausdrücklich betonen, dass der Iran ein Land ist, in dem andere Religionen respektiert wer-den und in dem jeder willkommen ist. Das wird leider in der Öffentlichkeit nicht immer so wahrgenommen.

Darüber hinaus bietet auch das Segment Geschäftsreisen Potenzial. Geschäftsleute, die in den Iran reisen, um hier neue Märkte zu erschließen oder bestehende Geschäftsbeziehun-gen zu pflegen, verbinden nicht selten ihren Besuch mit ei-nem touristischen Programm, um so das Land besser ken-nenlernen zu können.

Abgerundet wird all dies durch die berühmte iranische Gastfreundschaft, in deren Genuss die Touristen kommen, wenn sie das Land besuchen. Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren in dieser Branche tätig und habe noch nie erlebt, dass ausländische Touristen schlechte Erfahrungen im Iran gemacht hätten. Diese Gastfreundschaft ist durchaus ernst gemeint, sie kann als ehrliche Freude seitens der Iraner über die Besucher verstanden werden.

 

Es wird immer gesagt, dass infrastrukturelle Defizite die größten Herausforderungen im iranischen Tourismussek-tor darstellen. Um welche Mängel geht es da genau?

 

Pourfaraj: Wie ich schon sagte, in erster Linie fehlt es an ge-eigneten Hotels. Gerade was Vier- oder Fünfsternehotels angeht haben wir einen großen Nachholbedarf. Neuerdings er-leben wir zudem, dass Einheimische in den eher abgeschiedenen Regionen kleine Hütten und Bungalows bauen, und dass dies bei den Touristen großen Anklang findet. Hier können sie die Natur, die Wüste oder die Berge intensiv erleben. Sowohl für die großen Hotels als auch für derartige Projekte werden ausländische Investoren gesucht.

Dazu kommt, dass der Personentransport modernisiert werden muss. Überlandfahrten finden zum größten Teil auf der Straße statt. Hier werden neue Busse und Pkw benötigt, die westlichen Standards gerecht werden.

Im Bereich der Reiseleitung hat sich jedoch in den vergan-genen Jahren bereits viel getan. Durch verschiedene Förderprogramme konnten wir große Fortschritte machen. Derzeit gibt es etwa 9.000 Reiseleiter, die hervorragend ausgebildet sind und die verschiedensten Sprachen beherrschen.

 

Wie viele Hotels müssen noch gebaut werden?

 

Pourfaraj: Derzeit würde es meiner Ansicht nach ausreichen, wenn in hochfrequentierten Städten insgesamt etwa 30 Vier- oder Fünfsternehotels gebaut würden. Ich engagiere mich ge-rade selbst beim Bau eines Hotelkomplexes mit über 430 Zimmern und bin zuversichtlich, dass wir diesen Bedarf auch mit-hilfe ausländischer Investoren werden decken können.

 

 

Gab es in den vergangenen Jahren bereits ausländische Investitionen in die Hotellerie?

 

Pourfaraj: Ja, in den letzten Jahren haben vor allem Inves-toren aus Frankreich und der Türkei Hotels errichtet. Dabei haben sich die türkischen Investoren auf die Stadt Täbris konzentriert, während das französische Unternehmen Ac-corHotels ein Ibis- und ein Novotel-Hotel am Imam-Khomeini-Flughafen in Teheran gebaut hat. Chinesische Unternehmer haben zudem die Renovierung bereits bestehender Hotels übernommen. Auch Investoren aus Singapur haben großes Interesse an einem künftigen Engagement im iranischen Markt gezeigt.

Ich denke, dass der Iran auch in Zukunft ein Ziel für den internationalen Tourismus sein wird. Der kulturelle Reichtum und die Schönheit des Landes gepaart mit der Gastfreundlichkeit der Iraner haben schon immer für ein großes Interesse im Ausland gesorgt. Ausländische Investoren können also davon ausgehen, dass sich ihre Projekte schnell amortisieren und dann gewinnbringend betrieben werden können. Hier sehe ich noch viel wirtschaftliches Potenzial.

 

Wie haben sich die Sanktionen auf den Tourismussektor ausgewirkt?

 

Pourfaraj: Natürlich haben die Sanktionen auch einen negativen Einfluss auf Bereiche wie den internationalen Zahlungsverkehr oder den Luftverkehr. Als Iraner sind wir aber bereits an Sanktionen gewöhnt. Ich vergleiche das gern mit einer Erkältung: Da sind Sie in Ihren Möglichkeiten eingeschränkt, finden aber in der Apotheke immer auch ein passendes Medikament, das Ihnen hilft diese Phase zu überstehen. Genauso haben wir bisher auch immer Wege und Lösungen für die Probleme gefunden, mit denen wir konfrontiert wurden.

 

Und wie macht sich der Wertverfall des Rial bemerkbar?

 

Pourfaraj: Für den Incoming-Bereich war der Wertverfall fast wie ein Geschenk, denn für Europäer ist die Lage denkbar günstig. Sie können für ihr Geld entweder entschieden län-ger durch den Iran reisen oder sich bessere Hotels oder andere Annehmlichkeiten gönnen, die sie sich vorher nicht hätten leisten können.Auf der anderen Seite haben Iraner, die nach Europa oder in die USA reisen wollen, natürlich ein großes Problem, da die Kaufkraft im internationalen Vergleich dra-matisch gesunken ist. Für Agenturen, die sich nur auf Outgoing-Touren spezialisiert haben, ist das schlicht existenzbe-drohend.

 

Im Iran sind derzeit Zahlungen mit ausländischen Kredit- oder EC-Karten nicht möglich, die Einfuhr von Bargeld darf nur innerhalb bestimmter Grenzen erfolgen und auch das Wechseln von Devisen war in der Vergangenheit nicht immer leicht. Wie stark leidet der Tourismus darunter?

 

Pourfaraj: Mit diesen Problemen beschäftigen wir uns schon länger. Bedingt durch diese Einschränkungen können Touristen zwangsläufig nur ein gewisses Budget mit sich führen und werden so in ihren Konsummöglichkeiten beschränkt. Hier-von sind insbesondere die Hotellerie, das Kunsthandwerk und die Gastronomie betroffen.

Derzeit sind die zuständigen Behörden dabei, in Koope-ration mit einigen Banken Lösungsansätze zu entwickeln. Es wird unter anderem ein Konzept diskutiert, bei dem ein aus-ländischer Tourist mithilfe von Reiseagenturen in seinem Heimatland und im Iran die Möglichkeit bekommen soll, zu Hause einen bestimmten Geldbetrag auf ein persönlich zugewiesenes Konto in seinem Heimatland einzuzahlen. Dieser Betrag wird dann auf ein iranisches Konto transferiert. Am Anrei-setag erhält der Einzahler die dazugehörige Kreditkarte und kann dann während seines Aufenthaltes nach Belieben über den Betrag verfügen. Eine weitere Erhöhung dieses Betrages sollte natürlich ebenfalls möglich sein.

 

2017 hatte der Iran auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin eine eigene Halle. Wie war die Resonanz?

 

Pourfaraj: Der europäische Tourismusmarkt ist für den Iran traditionell ein wichtiger Markt. Ich bin seit rund 19 Jahren auf der ITB dabei, und in all den Jahren hatte der Iran immer seine eigene Halle. Der Iran war ja für Europäer schon im-mer das beliebteste Reiseziel im Mittleren Osten. Deswegen sind die Messen in Europa für uns besonders wichtig. Das Besondere an der ITB ist jedoch die Internationalität von Besuchern und Veranstaltern. Damit haben wir die Möglichkeit, gleich mehrere nationale Märkte anzusprechen, zum Beispiel den französischen, den italienischen und den holländischen.Darüber hinaus sind Deutschland und der Iran seit Langem auf besondere Art und Weise verbunden. Auch deshalb ist eine starke Repräsentanz für uns besonders wichtig.

 

Und 2019?

 

 

Pourfaraj: Auch im Jahr 2019 werden wir wieder eine eigene Halle betreiben. Wir freuen uns auf die ITB und möchten unbedingt die Verluste auf dem europäischen Markt wieder aufholen. Die Agenturen haben sich viel vorgenommen. Neben dem üblichen Informationsprogramm soll es auch Veranstaltungen für ausgewählte Personen geben, zum Beispiel planen wir, eine persische Nacht erlebbar zu machen.Wir glauben, dass der Iran nicht auf die derzeitige politische Situation reduziert werden sollte. Dieses reiche Land hat einfach mehr zu bieten. Der Tourismus hat Interessierten schon immer die Möglichkeit gegeben, sich einen eigenen Eindruck von Land und Leuten zu verschaffen. Diejenigen, die bereit sind den Iran selbst zu erleben, werden auf interessierte und friedfertige Menschen stoßen. Diese Botschaft ist mir wichtig.

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Pourfaraj.

 

Mit Ebrahim Pourfaraj sprach Joshua Koller.

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